Lieber Hans-Peter,
um es vorweg zu sagen: Ich halte die Übersetzung der Elberfelder für nicht ganz zutreffend (d.h. die dortige Auslassung von "die", bzw. "die Sünden"), auch nicht die Argumente von William Kelly (Lect. Intro. to Acts, Cath. Epist. and Rev., p.301f).
Wenn der Satzbauplan offensichtlich ist (und das ist in 1Joh 2,2

der Fall), dann kann man auf die Wiederholung bestimmter Wörter verzichten und diese auslassen (Ellipsen). In 1Joh 2,2

haben wir so einen Fall, der m.E., wenn man so wie die Elberfelder (bzw. auch das Münchener NT) übersetzt, nicht den Nagel so ganz auf den Kopf trifft.
Wir lesen in 1Joh 2,2

: KAI AUTOS hILASMOS ESTIN PERI TWN hAMARTIWN hHMWN• OU PERI TWN hHMETERWN DE MONON, ALLA KAI PERI hOLOU TOU KOSMOU.
Schlachter übersetzt hier: "und er ist das Sühnopfer für unsere Sünden, aber nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt ."
Entscheidend ist hier die Wiederholung des best. Artikels "die" in "für die (d.h. Sünden) der ganzen Welt .".
Der Grundtextkommentar "A Handbook on the Greek Text" schreibt zu dieser Stelle (PERI hOLOU KOSMOU - für die der ganzen Welt) völlig zutreffend, dass dies die "Elliptical form of PERI TWN hAMARTIWN hOLOU TOU KOSMOU" (die Sünden der ganzen Welt) ist.
Robertsons Kommentar zum griechischen Neuen Testament - „Word Pictures“ - weist für den letzen Abschnitt von 1Joh 2,2

auf die dortige Auslassung von „die Sünden der“ hin: „[..] the Ellipsis of TWN hAMARTIWN (the sins of) as we have it in Heb 7,27

“.
Vor geraumer Zeit habe ich mich mit Ivor Larson, ein Wycliff-Bibelübersetzer, über diese Stelle in 1Joh 2,2

unterhalten. Er hat mir damals geschrieben: „I cannot see that this is unclear. Such ellipsis is very common in Greek. The word "sins" is carried over from the first PERI phrase and clearly understood in the last two. The "atoning sacrifice" or "sin-offering" that Christ did for our sins, does not only apply to our sins (i.e. the Christians), but it is sufficient to create forgiveness for the sins of all people in the world. Of course, people do not experience that forgiveness, until they ask for it, just like a check does not benefit a person until he presents it to the bank.”.
Iver Larson sieht also klar diese zweifache Ellipse von "die Sünden". Das bedeutet für die Satzstruktur:
- KAI AUTOS hILASMOS ESTIN PERI TWN hAMARTIWN hHMWN (hier ist die Präpositionalphrase vollständig und „für Sünden“ wird eingeführt)
- OU PERI (hier fehlt das Bezugswort hAMARTIWN, das sinngemäß ergänzt werden muss = erste Ellipse: alle Übersetzungen haben das)
- TWN hHMETERWN DE MONON ALLA KAI PERI (hier fehlt ebenso das Bezugswort hAMARTIWN, das auch hier sinngemäß ergänzt werden muss; zweite Ellipse: leider ausgelassen von Elberfelder) hOLOU TOU KOSMOU.
Sinnvoll übersetzt haben hier fast alle Bibeln, vgl. etwa die Neue Genfer: "ist durch seinen Tod zum Sühneopfer für unsere Sünden geworden, und nicht nur für unsere Sünden, sondern für die der ganzen Welt.
Christus (das ist der Referent von AUTOS) ist somit auch die Sühnung für die Sünden der ganzen Welt. Ich sehe in dem Satz eigentlich keine übersetzerische Schwierigkeit, nur bestimmte theolog. Vorbehalte, wie bei W. Kelly.
Herzliche Grüße aus Ingolstadt
Peter